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Unsere Argumente gegen Atomenergie
Stand: 23.03.2009
Die Atomlobby versucht seit Jahren mit einer
umfangreichen PR-Kampagne Einfluss auf Politiker und Öffentlichkeit zu
nehmen. Ziel der Betreiber ist es, die Laufzeiten ihrer Atomkraftwerke (AKW)
zu verlängern und damit zusätzliche Milliardengewinne einzustreichen.
Gewinne, die beim Kunden nicht ankommen. Die Kampagne der Atomlobby soll
davon ablenken, dass die Atomenergie eine veraltete und gefährliche Form der
Energiegewinnung ist. Doch was ist wirklich dran, an den propagierten
Argumenten der Atomindustrie? Im Folgenden stellt die SPD-Bundestagsfraktion
den Behauptungen der Atomlobby die Fakten gegenüber.
Atomenergie ist nicht klimafreundlich
Die Atomlobby behauptet: Atomenergie schützt das
Klima!
Die Wertschöpfungskette von Atomenergie ist nicht klimafreundlich: Der
Bau sowie der Rückbau von Atomkraftwerken (AKW), Wiederaufbereitungsanlagen
und Endlagerstätten, die Erschließung, der Abbau, Transport und
Veredelungsprozess von Uran sowie die Brennstäbeaufbereitung verursachen
erhebliche Mengen klimaschädlicher Gase.
Atomkraft ersetzt kein Öl. Mit ihr lassen sich weder Häuser beheizen noch
herkömmliche Autos bewegen.
Da bei Atomkraftwerken die Abwärme ungenutzt bleibt, ist der Wirkungsgrad
mit ca. 35 Prozent sehr viel geringer als bei Kraftwerken mit
Kraft-Wärme-Kopplung (ca. 90 Prozent). Die benötigte Wärme im Bereich
Heizung und Warmwasser muss anderweitig erzeugt werden, was in der Regel mit
zusätzlichen Kohlendioxidemissionen verbunden ist. Die Klimabilanz eines
Erdgas-Blockheizkraftwerks ist daher, laut einer aktuellen Studie des
Ökoinstituts, ähnlich gut wie bei einem AKW, wenn man die zusätzlich nötige
Wärmeerzeugung auf Öl- oder Gasbasis berücksichtigt. Dabei umfasst die
Studie beispielsweise nicht einmal die durch die Endlagerung verursachten
Emissionen.
Atomkraftwerke decken weltweit einen Anteil von ca. 2,5 Prozent des
Endenergieverbrauchs und können somit keinen maßgeblichen Beitrag zum
Klimaschutz leisten. Die Deckung von nur 6 Prozent des weltweiten
Energieverbrauchs würde den Bau von etwa 1.200 AKW mit je 1.000 MW Leistung
erfordern. Dieser Ausbau wäre zu teuer, würde sehr lange dauern und die
begrenzten Uranvorräte würden noch schneller aufgebraucht werden.
Die zentralistische Struktur der Atomenergie verhindert den Umbau der
Energieversorgungsstruktur hin zu klimafreundlichen, dezentralen Einheiten
und mehr Erneuerbaren Energien. Heute getroffene falsche
Investitionsentscheidungen binden langfristig Kapital, das dann für
Investitionen in Erneuerbare Energien und Energieeffizienz fehlt.
Mehrere neue Studien, wie z. B. das EWI/Prognos-Gutachten 2007 oder die
Leitstudie 2008 des Bundesumweltministeriums belegen, dass bis zum Jahr 2020
sowohl der Atomausstieg als auch eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 40
Prozent realisierbar sind.
Atomenergie macht nicht unabhängig
Die Atomlobby behauptet: Atomenergie reduziert
die Importabhängigkeit!
Deutschland ist zu 100 Prozent abhängig von Uranimporten.
Die Erneuerbaren Energien sind die einzigen Energieträger, bei denen
Deutschland vollständig unabhängig von Importen ist und die gleichzeitig den
Klimaschutz sichern.
AKW machen Versorgung nicht sicherer
Die Atomlobby behauptet: Ohne Atomenergie gibt
es keine Versorgungssicherheit!
Bei Wassermangel, zu hoher Wassertemperatur in den Flüssen oder bei
Überschwemmungen müssen Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln oder ganz
abgeschaltet werden. Dann müssen sehr schnell große Produktionskapazitäten
ersetzt werden. Gleiches gilt bei den sich häufenden Abschaltungen durch
Sicherheitsmängel.
Im Juli 2007 speisten zeitgleich sechs deutsche Atomkraftwerke keinen
Strom ins Netz ein. Dennoch war die Versorgungssicherheit zu jeder Zeit
gewährleistet. Deutschland konnte 2007 sogar 14 Milliarden Kilowattstunden
Strom exportieren.
Uran ist ein seltener Rohstoff, dessen Reichweite ebenso begrenzt ist wie
die von Öl. Je mehr die Atomstromerzeugung ansteigt, umso früher erschöpfen
sich die Uranvorkommen. Die Erneuerbaren Energien sind dagegen
unerschöpflich. Deren heute technisch nutzbares Potenzial übertrifft den
derzeitigen weltweiten Energiebedarf um ein Vielfaches.
Bereits 2007 wurde das Ziel der Bundesregierung, 2010 12,5 Prozent des
deutschen Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien zu decken, übertroffen. Im
Jahr 2008 trugen die Erneuerbaren Energien 15,3 Prozent zur Stromversorgung
in Deutschland bei.
Es ist möglich, eine bedarfsgerechte Stromversorgung durch eine
Kombination verschiedener erneuerbarer Energieträger mit
Speichertechnologien, einem verbesserten Nachfragemanagement und einer
gesteigerten Energieeffizienz sicherzustellen.
Atomstrom ist nicht billig
Die Atomlobby behauptet: Atomstrom ist sehr
günstig!
Atomstrom ist für die Betreiber günstig, weil die AKW abgeschrieben sind
und der Steuerzahler die Atomenergie mit (je nach Schätzung) 45 bis 100
Milliarden Euro subventioniert hat. Die günstigen Produktionskosten für
Atomstrom wirken faktisch nicht preisdämpfend, sondern erhöhen lediglich die
Gewinne (über 300 Millionen Euro pro AKW und Jahr) der vier großen
Energieversorgungsunternehmen.
Die Bürger profitieren nicht vom „günstigen“ Atomstrom: In
Baden-Württemberg, dem Bundesland mit dem höchsten Atomstromanteil, ist der
Strompreis nicht niedriger als in anderen Regionen Deutschlands. Obwohl
Deutschlands größter AKW-Betreiber e.on 2007 einen Überschuss von 5,1
Milliarden Euro erzielt hat, erhöhte das Unternehmen die Strompreise zum 1.
Januar 2008 um bis zu 10 Prozent.
Die AKW-Betreiber profitieren von der Nichtbesteuerung der
Kernbrennstoffe sowie von der gesetzlich festgelegten niedrigen Haftung pro
Schadensfall von 2,5 Milliarden Euro. Eine alle Risiken abdeckende
Haftpflichtversicherung würde zur Unwirtschaftlichkeit der Atomkraftwerke
führen.
Die beliebig verwendbaren steuerfreien Rückstellungen in Höhe von derzeit
rund 26 Milliarden Euro stellen ein jahrzehntelanges zinsloses Darlehen für
die AKW-Betreiber dar. Dies verstärkt den ohnehin bestehenden
Konzentrationsprozess in der Stromwirtschaft, welcher u.a. ein Grund für die
enormen Strompreissteigerungen ist.
Die öffentliche Hand bleibt auf einem großen Teil der nicht abschätzbaren
Folgekosten der Atomenergie sitzen: Kosten für gescheiterte Projekte,
Castortransporte, Endlagerforschung, Atomaufsicht, Hinterlassenschaften der
DDR, Deckung der Restrisiken.
Atomkraftwerke sind Risikotechnologie
Die Atomlobby behauptet: Deutsche Atomkraftwerke
sind sicher!
Stetige Vorfälle und Sicherheitslücken zeigen, dass deutsche AKW
keinesfalls störungsfrei und zuverlässig laufen. Brunsbüttel und Krümmel
sind Beispiele hierfür.
Die Reaktoren wurden für eine Laufzeit von 25, nicht 40 oder 60 Jahren
konzipiert. Die Sicherheit des Anlagenbetriebs nimmt mit längerer Laufzeit
ab, denn auch Reaktoren altern (Korrosion, Risse an der Oberfläche oder an
Schweißnähten im Reaktordruckbehälter, Materialermüdung).
Alte AKW sind trotz aller Nachrüstungen allein aufgrund der
Baukonstruktion (keine Kuppelform, unterschiedliche Wanddichten der
Reaktordruckbehälter etc.) weniger sicher als neuere.
Die Betreiber verhindern den Zugang unabhängiger Gutachter, obwohl ihre
AKW angeblich so sicher sind.
Menschliches Versagen kann nirgendwo gänzlich ausgeschlossen werden.
Routinenachlässigkeiten im Umgang mit Atomtechnologie können aber fatale
Folgen haben.
Die epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von
Kernkraftwerken kommt zu dem Ergebnis, dass das Risiko für Kinder unter fünf
Jahren an Leukämie zu erkranken zunimmt, je näher ihr Wohnort an einem
Atomkraftwerk-Standort liegt.
Auch in anderen westlichen Ländern, in denen behauptet wird, man habe die
sicherste Technologie der Welt, und deren Atomkraftwerke mit den deutschen
vergleichbar sind, kommt es zu erheblichen Zwischenfällen. Bsp.:
Großbritannien (2007 lief zeitweise nur ein AKW einwandfrei), Schweden (Forsmark
2007), Frankreich (Tricastin 2008).
Durch die gestiegene Terrorgefahr hat sich die Wahrscheinlichkeit eines
gezielten Flugzeugabsturzes auf ein AKW deutlich erhöht. Eine Studie der
Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) kommt zu dem Ergebnis,
dass keines der deutschen AKW hundertprozentigen Schutz vor Terrorangriffen
bietet.
Die Betreiber haben bisher kein schlüssiges Sicherheitskonzept gegen
Terrorangriffe aus der Luft vorgelegt. Eine Vernebelung der Anlagen allein
ist nicht ausreichend, da sie nur für kurze Zeit möglich ist und mit
moderner Navigationstechnik (GPS etc.) unterlaufen werden kann.
Endlagerfrage ungelöst
Die Atomlobby behauptet: Die Endlagerfrage kann
leicht gelöst werden!
Die Endlagerfrage ist bisher weltweit ungelöst.
Endlagerung wird niemals völlig sicher sein. Das zeigen massive Probleme
im ehemaligen DDR-Atommüllendlager Morsleben und im
Endlager-Forschungsbergwerk Asse II.
Hochradioaktive Abfälle müssen für mehr als eine Million Jahre sicher von
der Biosphäre abgeschirmt werden. Für einen so langen Zeitraum zu planen,
ist allerdings unmöglich. Kein Mensch kann vorhersehen, was in den nächsten
10.000 Jahren passieren wird.
Eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre würde bis zu 4.500 Tonnen
hochradioaktiven Abfall zusätzlich bedeuten.
Es muss eine ergebnisoffene und auf international anerkannten Auswahl-
und Sicherheitskriterien basierende Endlagersuche geben, um zumindest den
„sichersten“ Standort zu finden. Dies ist gängige Praxis in anderen Ländern.
Auch CDU/CSU fordern von der Schweiz wegen der Grenznähe des potenziellen
Endlagers in Benken ein solches Verfahren.
Keine Atomenergie-Renaissance
Die Atomlobby behauptet: Es gibt eine
Atomenergie-Renaissance. Nur Deutschland isoliert sich!
In den letzten zwei Jahrzehnten sind deutlich mehr Atomkraftwerke vom
Netz gegangen als neue hinzugekommen. 2008 wurde erstmals seit 42 Jahren
kein einziger neuer Reaktor in Betrieb genommen.
Bis zum Jahr 2030 erwartet selbst die „atomfreundliche“ Internationale
Energieagentur (IEA) eine Verminderung des Anteils des Atomstroms an der
gesamten (wachsenden) Stromproduktion von 15 auf 10 Prozent.
Insgesamt produzieren vergleichsweise wenige Länder Atomstrom, wogegen es
einen weltweiten Boom bei den Erneuerbaren Energien gibt, bei denen
Deutschland Weltmarktführer ist.
Das unter rot-grüner Bundesregierung verabschiedete
Erneuerbare-Energien-Gesetz hat sich zum Exportschlager entwickelt.
Mittlerweile gibt es mehr Staaten mit einem solchen oder ähnlichen
Förderinstrument als Staaten mit Atomkraftwerken.
Erneuerbare Energien sind Jobmotor
Die Atomlobby behauptet: Atomenergie sichert
Arbeitsplätze!
In der Atomindustrie sind nach Betreiberangaben direkt und indirekt
38.000 Menschen beschäftigt (Tendenz fallend), im Wirtschaftsbereich
Erneuerbare Energien dagegen 2007 bereits 250.000. Die Roland Berger
Unternehmensberatung erwartet, dass die Zahl im Jahr 2020 auf etwa 400.000
bis 500.000 Menschen steigt.
Außerhalb Deutschlands produzieren nur fünf AKW vom einzigen deutschen
Reaktorbauer Siemens Strom. Der aktuelle Bau des Atomkraftwerks in Finnland
ist der erste Auftrag für Siemens seit 1982. Dieser bringt dem Konzern
mindestens 500 Millionen Euro Verluste.
Das Abschalten der Reaktoren bedeutet nicht den sofortigen
Arbeitsplatzverlust, da die Belegschaften in der Regel noch mehrere Jahre
mit der Stilllegung und dem Abriss beschäftigt sind.
Atomenergie gefährdet Weltsicherheit
Die Atomlobby behauptet: Eine rein friedliche
Nutzung der Atomenergie ist möglich!
Die sogenannte friedliche Nutzung der Atomenergie schafft eine für
militärische Zwecke nutzbare Infrastruktur (z. B. Indien, Pakistan,
Nordkorea, Iran). Es ist kaum zu beurteilen, welcher Staat langfristig
verantwortlich mit der Hochrisikotechnologie umgeht. Man kann anderen
Staaten die Atomenergienutzung nicht verbieten, wenn man sie selbst
vorantreibt.
Mit einem Ausbau der Atomenergie steigt durch die zunehmende Menge an
kursierendem nuklearem Material auch das Missbrauchsrisiko.
Allein für 2005 sind 103 Fälle von illegalem Handel mit atomarem Material
dokumentiert.
Die Zukunft ist effizient und erneuerbar
Wir sagen: Atomenergie ist von gestern, die
Zukunft gehört den Erneuerbaren Energien.
Übrigens: Selbst die Union bezeichnet die Atomenergie als
„Übergangstechnologie“. Wer aber an Auslaufmodellen festhält, verhindert
wichtige Investitionen in den Ausbau Erneuerbarer Energien. Außerdem sinkt
der Druck Energie einzusparen und effizienter einzusetzen. Deshalb hält die
SPD-Bundestagsfraktion am Atomausstieg fest und setzt auf Energieeffizienz
und Erneuerbare Energieträger.
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