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Als kämpferischer Redner
von den einen bewundert, von den anderen gefürchtet |
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Lebte er noch, würde er am 11. Juli seinen hundertsten Geburtstag
feiern. Was würde er uns sagen, könnte er diese Zeit nach der großen
Wende betrachten? Er starb 1990. Was wäre ihm so gegen den Strich
gegangen, dass er es lauthals und gleichwohl analytisch bestechend
herauspoltern würde? Wie würde er den entfesselten Kapitalismus dieser
Tage beschreiben, und was wäre seine politische Antwort?
Herbert Wehner, dem dieser Tage eine Reihe von Gedenkveranstaltungen
gewidmet werden, wirft noch immer lange Schatten, die weit in die
Partei und zurück in die Nachkriegszeit der westdeutschen
Bundesrepublik ragen.
Es wird kaum gelingen, über diesen Mann zwei Zeitzeugen zu finden, die
ein auch nur annähernd gleiches Bild von ihm haben. Vermutlich könnten
sie nur den Teil von ihm beschreiben, den er ihnen zugänglich gemacht
hat. Mancher wird sich nur an den Polterer erinnern, der immer in
politischen Kategorien zu denken schien und der einer gedachten und
immer eingehaltenen strategischen Spur folgte.
Er, dem die Eroberung der Regierungsmacht für die Sozialdemokraten
über den viel geschmähten Umweg der „Großen Koalition“ als taktische
Meisterleistung zugeschrieben wird, war zugleich einer der Abräumer
überständigen ideologischen Felsgesteins, um das so bereinigte
Programm von Godesberg durchsetzen zu helfen.
Es war ein langer und steiniger Weg bis er zu dem Pragmatismus geriet,
der ihn in den Kreis der Reformer führte, die im wesentlichen die
moderne Sozialdemokratische Partei prägten. Wann immer ich an diesen
Mann denke, der mir wie ein dampfender Vulkan in Erinnerung ist, der
jeden Augenblick ausbrechen konnte, kommt mir Erich Mühsam ins Bild.
Dieser kleine Mann mit Zwicker, der Schriftsteller, Anarchist,
Sozialist, Humanist und Leitfigur der kurzlebigen Münchner Rätepublik.
Ein Feuerkopf und wohl so etwas wie der politische Pate des jungen
Herbert Wehner. Dieser wird Mitglied von Erich Mühsams „Syndikalischer
Arbeiterföderation“ und schreibt für dessen Zeitung „Fanal“. Mühsam,
dieser wundersame Mensch, wurde im KZ Oranienburg umgebracht.
Aber zurück zu dem Herbert Wehner, den wir als fesselnden
Debattenredner kennen. Ohne Willy Brandt wäre mutmaßlich keine seiner
politischen Kopfgeburten und Zielsetzungen realitätsverdächtig
geworden. Es braucht beide, um den Aufstieg der deutschen
Sozialdemokratie nach dem Furor des Kurt Schumacher zu erklären. Zu
diesem Duo trat dann der damals vergleichsweise junge Helmut Schmidt
hinzu und damit war ein Trio komplett, ohne das heute SPD gar nicht
mehr gedacht werden könnte.
Jahrhundertgestalten, die in ihrer Vita jeweils die ganze Tragik des
blutigen 20. Jahrhunderts spiegeln. Und Wehner der Zerrissenste und
Widersprüchlichste in diesem Trio tat sich am schwersten, die
Prüfungen zu verdauen, die ihm seine verschiedenen Leben auferlegten.
Ein großer Mann, der das, was man einen weichen Kern nennt, gut zu
verdecken wusste. Dennoch wurde dieser andere Wehner manchem und
mancher offenbar, wie das Foto mit seiner späteren Frau Greta auf
dieser ihm gewidmeten Seite zeigt.
Zur Rezension:
Der Mann mit der Pfeife
Eine neue Biografie beschreibt das Leben von Herbert Wehner – die
erste umfassende, die alle verfügbaren Quellen auswertet.
Mehr Informationen zum Leben von Herbert Wehner:
Herbert-Wehner-Bildungswerk
Die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Herbert Wehner im Juli
2006:
Schmidt, Müntefering und Vogel würdigten Herbert
Wehner zum 100. Geburtstag
"Herbert Wehner gehörte zu einer Handvoll wirkungsvoller Politiker des
20. Jahrhunderts" so würdigte Helmut Schmidt Herbert Wehner zum 100.
Geburtstag in dessen Geburtsstadt Dresden. Wehner war mit Herz und
Seele ein politischer Mensch, betonte Schmidt zum Festakt am 11. Juli
2006 im Kleinen Haus des Staatschauspiels Dresden, zu dem das
Herbert-Wehner-Bildungswerk eingeladen hatte.
Schmidt, der als Bundeskanzler eng mit dem einstigen
Bundestags-Fraktionsvorsitzenden Wehner zusammen gearbeitet hatte,
beschrieb den Weggefährten vor allem als verlässlichen Partner. Er
habe Wehner vertraut und dieses Vertrauen sei nicht enttäuscht worden.
Wörtlich sagte er:
"Wir sind weder enge persönliche Freunde gewesen, noch haben wir in
allen Fragen des persönlichen Stils oder der Wortwahl miteinander
übereingestimmt - aber darauf kam es doch gar nicht an! Es wäre eine
irreale, ja absurde Vorstellung, an der Spitze eines Staates oder auch
nur einer Partei müsse ein persönliches Freundschafts- oder gar
Liebesverhältnis bestehen."
Stattdessen gehe es um Loyalität, Solidarität und gemeinsames Ziehen
am gleichen Ende des Stranges, zum gleichen Ziel und Zweck, so
Schmidt.
Der Saal des Kleinen Hauses bebte vor Beifall: Die über 400 Gäste
erhoben sich, als der 87-jährige Schmidt seine Rede beendet hatte und
von der Bühne stieg.
Herbert Wehner war und bliebe einer der großen in der Sozialdemokratie
und in Deutschland, würdigte Vizekanzler Franz Münterfering in der
Laudatio sein Vorbild.
"Der Mann brannte. Nicht lichterloh, schon gar nicht als Strohfeuer.
Sondern sehr kompakt. Nachhaltig, sagt man heute wohl dazu. Manchmal
war er ein Vulkan."
Die Biografie eines so großen Mannes könne man nicht an Ausschnitten
messen. Die volle Lebensleistung, das ganze Leben, der Mensch und
Politiker Herbert Wehner verdiene Respekt.
Ausdrücklich hob Müntefering hervor, dass Wehner immer ein waches Auge
für die Bedeutung des Sozialen gehabt habe. Die Antriebskraft war es,
Menschen zu helfen.
Greta Wehner, die langjährige Begleiterin und Witwe von Herbert Wehner
war von den Reden sehr berührt und dankte allen, die gekommen waren.
In Ihrem Schlusswort rief sie dazu auf, das Erbe Herbert Wehners zu
wahren und seine Leistungen heute erfahrbar und nutzbar zu machen (den
Aufruf des Stiftungsbeirats der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung zum
100. Geburtstag finden Sie hier).
Der ehemalige Bundesjustizminister Jürgen Schmude, der die
Gedenkveranstaltung eröffnete, gab einen persönlichen Rückblick auf
Herbert Wehner.
Der Festakt im Kleinen Haus war der Höhepunkte der Feierlichkeiten zum
100. Geburtstag Wehners in Dresden. Den Auftakt bildete um 10.30 Uhr
im alten Landtag die SPD-Landtagsfraktion. Unter dem Titel "Herbert
Wehner. Das ganze Leben zählt" berichtete Cornelius Weiss, der
SPD-Fraktionsvorsitzende im Sächsischen Landtag, über seine Eindrücke
beim Lesen der jüngst erschienenen Herbert-Wehner-Biografie.
Anschließend diskutierte Hans-Jochen Vogel mit Autor Christoph Meyer
und manchem Wegbegleiter Wehners über dessen Leben und das neu
erschienene Buch. Den Ausklang des Geburtstages bildete in lockerer
Runde das Grillfest im Garten des Bildungswerks.
Quelle:
http://www.wehnerwerk.de