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Entspannungspolitiker:
Willy Brandt an der deutsch-deutschen Grenze 1960 / Foto: AdsD |
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Ich habe das niemals bereut, selbst in den schweren Maitagen des
Jahres 1974 nicht. Willy Brandt war mehr als ein „Chef“: Er war eine
Persönlichkeit, die Mitdenken und Solidarität nicht einfordern musste.
Es war gar keine Frage, dass wir bis an die Grenzen unserer Kraft für
ihn arbeiteten. Das galt für das ganze Kanzlerbüro, und unter ihnen,
jedenfalls nach außen hin, auch jener, der sich später als Spion der
DDR entpuppte und seinen Verrat, will man seinen Äußerungen glauben,
bitter bereute und büßte: Günter Guillaume.
Hier muss ich auf die schlimmste Panne zu sprechen kommen, die
schließlich zum Rücktritt von Willy Brandt führte: unser Verhalten
nach der Mitteilung Hans-Dietrich Genschers (Innenminister, Red.), man
müsse Guillaume observieren. Hierüber ist in den letzten Wochen so
manches geschrieben und einiges ist in einem Film verarbeitet worden,
der für sich in Anspruch nimmt, Fiktion zu sein und daher meint, mit
den Fakten etwas großzügiger umgehen zu können. Ich möchte einiges
davon berichtigen bzw. ergänzen. Der Hintergrund für die Zustimmung
Willy Brandts zur Observierung von Günter Guillaume war folgender:
Horst Ehmke hatte, als Guillaume ins Kanzlerbüro versetzt werden
sollte, sowohl Willy Brandt als auch mir gesagt, es habe Berichte über
Vorgänge aus den 50er(!)-Jahren gegeben, die mit ungeklärten
Funksprüchen zusammenhingen. Er hatte uns aber ausdrücklich
versichert, diese Dinge seien geklärt. Wir hatten uns daher seiner
Ansicht angeschlossen, man dürfe jemanden, der vor vielen Jahren aus
der DDR gekommen sei, nicht benachteiligen.
Als nun Genscher dem Bundeskanzler im Frühjahr 1973 die Bitte Günter
Nollaus (Verfassungsschutz-Chef, Red.) übermittelte, Guillaume zu
observieren und dabei keine neuen, aktuellen Erkenntnisse vortrug,
waren wir beide der Auffassung, es handele sich um die „alten
Geschichten“. Und wir waren der Meinung, man solle und könne den
Verfassungsschutz nicht daran hindern, ihnen noch einmal nachzugehen,
auch wenn wahrscheinlich dasselbe herauskommen werde wie damals:
nämlich nichts. Wir hielten den „typischen kleinkarierten
Parteifunktionär“, wie Willy Brandt Guillaume mehrfach bezeichnete,
nicht für einen raffinierten Spion, der Staatsgeheimnisse
ausspionieren könnte. Wir wurden in unserer Auffassung dadurch
bestärkt, dass wir monatelang nichts mehr von Genscher oder Nollau
hörten.
Trotzdem habe ich mir später bittere Vorwürfe gemacht, dass ich dem
mir von Brandt übermittelten Wunsch Genschers nachgekommen bin, mir
nichts anmerken zu lassen, niemandem etwas zu sagen und am
Tätigkeitsbereich Guillaumes nichts zu ändern, und dass ich darauf
vertraut habe, die ermittelnden Behörden würden in Zusammenarbeit mit
dem Chef des Bundeskanzleramtes, der schließlich zugleich Koordinator
der Geheimdienste war, die notwendigen Vorkehrungen treffen, dass kein
Schaden entstünde. Ich habe mir das nie verziehen.
Willy Brandt war ein Mann von großer physischer und psychischer Kraft.
Im Urlaub lief er uns allen beim Wandern davon, und in langen Nächten
war er der wachste und am anderen Morgen der frischeste. Seine
Arbeitskraft war unglaublich, niemand konnte es mit ihm aufnehmen. Wie
er es schaffte, trotzdem noch in der Woche zwei bis drei Bücher –
darunter auch belletristische – zu lesen, ist mir bis heute
unbegreiflich. Nach der Halsoperation im November 1972 – er hatte sich
die Stimmbänder im Wahlkampf ruiniert – litt er als starker Raucher
unter dem Rauchverbot, vor allem aber an dem Gefühl, dass Fehler
gemacht wurden. Es waren gar nicht immer seine eigenen Fehler, aber er
nahm sie auf sich, weil er sie nicht verhindern konnte. Autoritatives
Eingreifen war ihm fremd, zumindest unangenehm. Als sich einmal zwei
Minister im Kabinett wie die Kesselflicker stritten und er daraufhin
angewidert in sein Zimmer ging, folgte ich ihm und fragte ihn, warum
er nicht auf den Tisch gehauen und dem Streit ein Ende gemacht habe.
Er antwortete nur: „Aber das sind doch erwachsene Menschen.“ Eine
solche Haltung wurde von manchen als Schwäche angesehen, in Wahrheit
gehörte sie zu seiner Persönlichkeit und damit seiner starken
menschlichen Ausstrahlung.
Man konnte ihm auch widersprechen. Darüber ist es nur einmal zu einem
Streit gekommen, als ich ihm dringend von dem so genannten
Radikalenerlass abriet, der Kommunisten aus dem öffentlichen Dienst
fern- halten sollte. Damals kam der Berliner Antikommunist aus ihm
heraus, als er mir vorhielt, Breshnew würde sich doch totlachen, wenn
„seine Leute“ bei uns Richter werden könnten. Später hat er – was
wieder für ihn spricht – den Radikalenerlass für einen Fehler erklärt.
Willy Brandt ist nicht nur als ein großer Bundeskanzler in die
Geschichte eingegangen, sondern in den Herzen und Köpfen jener
geblieben, denen er durch sein Beispiel demokratisches Denken und
Verhalten nahe gebracht und ihnen den Mut zu gesellschaftlichem
Engagement gegeben hat. Auch daran sollte man sich an seinem 90.
Geburtstag erinnern.
* Reinhard Wilke war Leiter des Kanzlerbüros und
später des Bundestagsbüros von Willy Brandt.