Die SPD war 1913 mit fast 35 Prozent stärkste Partei in
Deutschland, mit 110 Abgeordneten stärkste Fraktion im Reichstag und
bewundertes Vorbild für die internationale Arbeiterbewegung. Willy
Brandt erwähnte stolz das Urteil der Züricher Wochen-Chronik zum Tod
von August Bebel, „dass des 73-Jährigen unerwarteter Tod in der ganzen
Welt ein größeres Aufsehen erregt hat, als der eines gekrönten
Hauptes“. Und Brandt fügte hinzu: „August Bebel starb wie ein Kaiser.
Und er war es ja auch gewesen – lange zu Lebzeiten: ein Kaiser der
Arbeiter und der kleinen Leute.“
August Bebel, der „wie ein Kaiser“ starb, wurde am 22. Februar 1840 in
den Kasematten der Kaserne in Deutz bei Köln geboren. Da er von
Kindheit an Armut und Not der „kleinen Leute“ erlebte, wurde er zu
deren engagiertem Anwalt. Nur dank eines „Waisenfonds“ konnte er eine
Lehre als Drechsler abschließen. Nach den damals üblichen Wanderjahren
übte August Bebel 1860 sein Handwerk in Leipzig aus, engagierte sich
in Bildungsvereinen. Mit Wilhelm Liebknecht schuf er 1866 die
„Sächsische Volkspartei“, für die er 1867 im Wahlkreis
Glauchau-Meerane in den Norddeutschen Reichstag gewählt wurde.
Nach Lösung von liberaler Bevormundung gründete er, ebenfalls mit
Liebknecht, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) im August
1869 in Eisenach (daher „Eisenacher“ genannt), die sich 1875 in Gotha
mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) unter Ferdinand
Lassalle („Lassalleaner“) zur Sozialistischen Arbeiterpartei
Deutschlands (SAP) vereinigte.
Als im Juli 1870 der preußisch-französische Krieg ausbrach, stimmte
Bebel im Norddeutschen Reichstag den Kriegskrediten nicht zu. Nach dem
Sturz Napoleons im September 1870 plädierte er gegen die Fortsetzung
des Krieges und vor allem gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen: das
würde nur wieder zu neuen Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich
führen.
Obwohl Bebel wegen dieser „undeutschen“ Haltung am 17. Dezember
verhaftet worden war, gewann er bei den 1. Reichstagswahlen am 3. März
1871 wieder seinen Wahlkreis Glauchau-Meerane. Im „Hochverratsprozess“
im März 1872 wurde er zu fast drei Jahren Festungshaft verurteilt. Da
ihm auch das Reichstagsmandat aberkannt wurde, fand am 20. Januar 1873
eine Nachwahl statt, die zu einem Triumph für die SPD wurde. Obwohl
August Bebel in Festungshaft saß, erhielt er fast 80 Prozent der
Stimmen.
Die Festungshaft, die er zu intensiven Studien nutzte, machte Bebel
noch populärer. Vor allem in der Zeit der Verfolgung und Unterdrückung
durch das „Sozialistengesetz“ (1878-1890) wurde er zum glaubwürdigen
und charismatischen Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft.
Angesichts übermächtiger Gegner fiel seine einprägsame Kurzfassung des
marxistischen Geschichtsoptimismus - „den Sozialismus in seinem Lauf,
halten weder Ochs noch Esel auf!“ – auf besonders fruchtbaren Boden.
Im historischen Rückblick mag vieles von den damaligen
Zukunftsvisionen als illusionär erscheinen. Aber der Siegeswille und
die Siegesgewissheit von Bebel in Wort, Schrift und Tat verkörpert,
ermutigten damals viele Menschen, sich trotz Ohnmacht und Verfolgung
für eine bessere und gerechtere Zukunft zu engagieren. Unter diesem
Gesichtspunkt war für Willy Brandt „August Bebel das Sinnbild der
Hoffnung, „dass es einmal anders werde, dass die Not ein Ende habe“.
Und die auf die SPD vertrauenden Massen brauchten diese Hoffnung „so
sehr wie das tägliche Brot“.
1980 plädierte Willy Brandt noch dafür, dass die SPD „Träger dieser
Hoffnung“ bleiben müsse. Zu Beginn des neuen Jahrtausends muss sie
sich aber offensichtlich auch einer neuen Aufgabe stellen, nämlich:
den Menschen die Angst vor einer schlechteren Zukunft zu nehmen, die
von geistig verarmten Millionären in Tausenden Talk-Shows geschürt
wird.
Von Horst Heimann
Quelle: vorwärts 7-8/2003